Dr. Tobias Duffner, früher Profi beim SV Werder Bremen, nun als Management Consultant bei den undconsorten und am 11. Juni mit Irg Torben Bührer gemeinsam beim HR Innovation Day 2022. Zum Thema „Workforce transformation“ und darüber hinaus haben Tobias und Irg sich den Fragen von Prof. Dr. Peter M. Wald (Professur für Personalmanagement an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig und Organisator des HR Innovation Day) gestellt. Link zum Interview im Original siehe Seitenende.

Peter: Vornweg ganz herzlichen Dank, lieber Irg, dass du wieder mit einem Workshop dabei bist. Ich bin froh, dass du einen so interessanten Gesprächspartner mitbringst. Und: Es ist klasse, dass wir die Gelegenheit für ein Gespräch im Vorfeld gefunden haben.

Irg: Und ich freue mich, dass du mich wieder eingeladen hast, einen Beitrag zum HR Inno Day leisten zu können. Ja, mit Dr. Tobias Duffner ist wieder jemand mit dabei, der eine besondere Perspektive mit mir gemeinsam einbringen kann. Fußball ist die in Deutschland bei weitem beliebteste Sportart, so dass es sicher interessant sein wird, einen Vertreter mit Erster-Hand-Erfahrungen mit einem Workshop mit dazu zu holen. Nicht zuletzt nachdem nun RB Leipzig kürzlich den DFB Pokal in die Stadt gebracht hat. Aber Tobias hat nicht nur die Fußball-Brille auf, sondern hat den Sprung in die Beratung geschafft und macht seine Erfahrungen als Management Consultant bei den undconsorten. Super spannend, da er so beide Erfahrungen zusammenbringen kann und Unternehmen dadurch eine außergewöhnliche Perspektive bieten kann. Und für mich natürlich einer von den AthletInnen, die anderen AthletInnen und Unternehmen zeigen, dass AthletInnen eben mehr sind als nur SportlerInnen.

Peter: Wie ist es dir und Patparius seit unserer letzten Begegnung ergangen?

Irg: Vielen Dank der Nachfrage, Peter, alles in allem eigentlich ganz gut. Natürlich waren die vergangenen zweieinhalb Jahre eine Herausforderung. Aber wir vom Sport nehmen die Dinge wie sie sind und machen dann das Beste daraus. Corona hat uns allen gezeigt, dass wir nichts für gegeben nehmen dürfen, dass es wichtig ist, wachsam zu sein und füreinander dazu sein. Natürlich waren Themen wie Resilienz und Leadership bei uns und bei den Unternehmen auf der Agenda. Auch die Kommunikation miteinander und das Vertrauen auf die Distanz war für viele im Unternehmen eine große Herausforderung – was durchaus auch Themen für AthletInnen sind, die wir mit ihnen gemeinsam in Unternehmen tragen. Auch hier können jetzt, wenn wieder mehr onsite gearbeitet wird, Teams in Unternehmen davon profitieren, wenn sie akademisch gebildete und gut qualifizierte noch aktive oder ehemalige AthletInnen im Unternehmen integrieren. Diese Integration ist nicht immer einfach, aber auf Sicht lohnt sich das Bemühen auf beiden Seite, auf Seiten der Sportlerin bzw. des Sportlers und auf Seiten der verantwortlichen Führungskräfte in Unternehmen, die Integration zum Gelingen zu bringen. Hier kann sicher auch Tobi ein paar Worte dazu sagen.

Peter: Nun zu dir, lieber Tobias, ein Blick auf deine Lebensgeschichte verrät, dass du in zwei Lebensbereichen „Extremaufgaben“ übernommen hast. Im Sport war es der Profifussball und in der Wirtschaft ist es die Beratertätigkeit. Gibt es zwischen diesen Extremen Parallelen und Unterschiede?

TobiasParallelen und Unterschiede gibt es natürlich. Bei Dingen, die ich ernsthaft tue, spielt oft die steile Lernkurve eine wichtige Rolle. Ich suche mir gerne Herausforderungen, die mich am Ende auch als Mensch wachsen lassen. Zudem ist natürlich auch das kompetitive Element für mich wichtig. Ich will herausgefordert werden, mich messen und bestmöglich, am liebsten im Team, performen. Das Messen ist natürlich im unternehmerischen Umfeld für mich nicht mehr derart entscheidend, wie es im Fußball war. Klar gibt es weitere Parallelen: Es geht am Ende sowohl im Fußball als auch im Unternehmen um Leistung von Menschen. Diese Leistung muss meistens im Team in einem gegebenen Umfeld erbracht werden, oft in Drucksituationen, die förderlich, aber auch belastend sein können. Aber natürlich gibt es auch Unterschiede, gerade auch um den Aspekt der Leistungserbringung. Im Unternehmen ist die Leistung wichtig, ganz klar, aber es spielen auch mitunter politische und menschliche Aspekte mit ein, die im Sport teilweise auch vorhanden sind, aber weniger ausgeprägt. Im Sport ist die individuelle Leistung enger mit dem Ergebnis verknüpft als es im Unternehmen der Fall ist, insbesondere auf der Position des Torwarts. Macht dieser einen Fehler, kann das oft spielentscheidend sein. Auf der anderen Seite können es oft auch Einzelleistungen sein, die ein Spiel positiv entscheiden. Der eigene Beitrag ist somit klarer auszumachen. Und Irg hat es kurz anklingen lassen, die Unterschiede sind für uns AthletInnen auch eine große Herausforderung, wenn wir in die Businesswelt wechseln. Irg und ich diskutieren auch diese Dinge, wie man damit umgehen kann.

Peter: In einem Interview beschreibst du deine Erfahrung, dass viele im Recruiting eher die klassische Bewerberin bzw. den klassischen Bewerber mit einem für die Beratung “perfekten” Lebenslauf suchen und die Dinge, die ehemalige ProfisportlerInnen auszeichnen, wie Engagement oder das Mindset, oft keine Rolle spielen. Davon berichten auch viele andere BewerberInnen in anderen Bereichen. Hast du dafür inzwischen eine Erklärung?

TobiasNaja, natürlich ist es auf kurze Sicht für Unternehmen schlicht einfacher, BewerberInnen zu integrieren, die auf der einen Seite die Rollen exakt mit ihren Profilen abdecken und auf der anderen Seite in gewisser Weise so sind, wie die MitarbeiterInnen und Führungskräfte, die schon im Unternehmen arbeiten. Hier wird meiner Ansicht nach viel Potenzial verschenkt, denn Teams und Unternehmen wachsen ja gerade dadurch, dass sie neue Perspektiven zulassen. Heutzutage geht es nicht darum, alles so zu tun, wie man es immer getan hat, sondern die Dynamik erfordert neues, anderes Denken von den Unternehmen. Gerade die letzten Jahre haben nochmals mehr Schwächen bei den Unternehmern aufgedeckt, die dringend ein anderes Mindset erfordern, um im Wettbewerb bestehen zu können.

Peter: Irg, wie können hier Änderungen im Mindset der Unternehmen bewirkt werden? Wie kannst du SportlerInnen dabei helfen, dass ihre besonderen Stärken besser erkannt, akzeptiert und vor allem auch genutzt werden?

IrgFür mich ist immer das Wollen der Ansatzpunkt. AthletInnen wollen morgen besser sein als sie es heute sind. Natürlich haben sie auch Leistungsdruck, aber sie kommen vom Wollen. Sie wollen dazulernen. Sie wollen sich herausfordern, sie wollen Fehler machen, um sich entwickeln zu können. Und ich finde es immer extrem schade, wenn der Aspekt Optimierung und Leistung immer in diese Druck- und Müssensecke gepackt wird. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, wo dieses Wollen herkommt. Am Ende kommt es tatsächlich aus dieser Sinn/Purpose-Ecke. Wer einen Sinn in einer Aufgabe sieht, gibt das Beste, um sie zu lösen. Je bedeutender der Sinn ist, desto mehr will man es so gut lösen, wie es möglich ist. Die SportlerInnen spüren diesen Sinn in ihrem Tun. Deshalb gehen sie die Extrameile, um das Beste aus sich herauszuholen. Wenn ich mit Führungskräften arbeite, geht es auch viel um dieses Warum. Warum tut man etwas? Was will man damit erreichen? Wie kann man den Link von diesem Warum zu dem täglichen Tun setzen? Wenn das gelingt, ist man bereit, sich einzusetzen und im Zweifel die Extrameile zu gehen. Bei der Arbeit mit SportlerInnen geht es dann eher darum, den Switch vom Sport zum Business hinzubekommen und das aus dem Sport Bekannte und Erfahrene in die Unternehmenswelt ganz praktisch und nutzbar zu transferieren. SportlerInnen müssen erkennen, dass sie mehr sind als die Athletin, der Athlet. Und dieses Erkennen hat viel damit zu tun, sich mit anderen Themen zu befassen, zu lernen zu erkennen, welche Parallelen und welche Unterschiede es gibt. Hier haben wir einen speziellen Coaching-Ansatz, um die AthletInnen in diese andere Welt zu bringen, um in anderem Umfeld, im Business, ebenfalls zu performen und zu besonderen MitarbeiterInnen bei Unternehmen zu werden.

Peter: Der Titel des Workshops bietet einen guten Ausgangspunkt für Diskussionen. Wie können hier Unternehmen von den vielfältigen Veränderungen im Profifußball bzw. im Sport insgesamt lernen?

Irg: Um eine recht simple, aber am Ende zutreffende Antwort zu geben: Die Situation annehmen und das möglichst Beste daraus machen. Für sich herausfinden, warum man etwas tut und dies dann auch im Empfinden positiv belegen. Es bringt nichts zurückzuschauen und sich an die gute alte Zeit zu erinnern. Beklagen kostet wertvolle Energie und trägt nicht dazu bei, dass im nächsten Spiel eher ein Tor geschossen wird, als es im vergangenen Spiel geschehen ist. Im Fußball, im Profisport im allgemeinen, wird viel Energie darauf verwendet, im Detail zu analysieren, um Rückschlüsse zu ziehen und diese dann praktisch umzusetzen. Diese Klarheit hilft natürlich auch bei Veränderungen. Hier ist aus meiner Sicht auch ein Ansatz, wo Unternehmen noch besser werden können: Klarere, vielleicht auch mutigere Entscheidungen auf Basis gefahrener Analysen, die zu belastbaren Rückschlüssen geführt haben. Und ganz wichtig, MitarbeiterInnen dabei in Entscheidungsprozessen auch wirklich mit einbeziehen und die Entscheidungen dort treffen, wo die Expertise ist.

TobiasIch kann noch hinzufügen, dass in Veränderungsprozessen auch die Feedback-Kultur eine sehr wichtige Rolle spielt. Vielleicht fällt mir dies als ehemaliger Athlet auch im Besonderen auf. Feedback wird in Unternehmen anders gelebt, als dies im Sport der Fall ist. Im Sport erhalten die AthletInnen täglich Rückmeldung zu ihren Leistungen. Täglich wird daran gearbeitet, sich zu verbessern. Dieses intensive Rückmelden ist so in Unternehmen natürlich nicht möglich. Dennoch bin ich der Meinung, dass auch in der Unternehmenswelt hier eine Entwicklung zu mehr Rückmeldung zu einem größeren Miteinander gut wäre. Führungskräfte müssen sich tatsächlich als Teil ihres Teams sehen und täglich daran arbeiten, dass das Team funktioniert. Dies ist umso notwendiger in Phasen von hoher Dynamik, wie es während Veränderungsprozessen oft der Fall ist. Aber auch nach Misserfolgen ist dieses Miteinander und effektives positives Leadership extrem wichtig, um für die Zukunft die richtigen Lehren zu ziehen.

Stadion Paris Champions League Finale

Peter: Gibt es dabei Besonderheiten? Oder sollten besondere Formen des Lernens gewählt werden, die sich auch im Sport finden?

Tobias: Im Sport habe ich besonders gute Erfahrungen gemacht, sich Bewegungsabläufe und Spielszenen per Video im Nachhinein anzuschauen. Oft hat man im Spiel eine ganz andere Wahrnehmung von Situationen, als es von Außen aussieht. Und insbesondere bei routinierten Aufgaben oder Bewegungsabläufen können sich mit der Zeit Fehler einschleichen, die einem nicht bewusst sind. Da hilft es ungemein, sich selber zu kontrollieren und zu beobachten, damit gewissen Dinge wieder ins Bewusstsein kommen. Und auch im Fußball bzw. Sport allgemein kommen heutzutage IT-basierte Trainingsformen dazu, wie z.B. das Trainieren von kognitiven Fähigkeiten mit VR-Brille, um nur ein Beispiel zu nennen. Bei den undconsorten arbeiten wir viel mit sogenannten Learning-Nuggets. Das sind eher kurze Lerneinheiten in Form von Videos oder Artikeln, die man gut auch zwischendurch konsumieren kann. Es wird immer wichtiger, on-the-job zu lernen und das Gelernte direkt anwenden zu können, sonst verpufft das neu Erlernte auch schnell wieder. Grundsätzlich gehört das “Aufschlauen” zum Beruf des Beraters, an dem wir einfach Spaß haben.

Irg: Ich kann hier vielleicht noch hinzufügen, dass diese direkte Anwendung des Gelernten von dem Tobias spricht natürlich im Sport gelebt wird. Hier wird in den verschiedensten Trainingsformen sehr schnell in die Umsetzung gegangen, um das zu Erlernende direkt in der Praxis anzuwenden. Auf diese Weise sind Inhalte viel eingänglicher, wobei eine direkte Anwendung auch direktes Feedback zur weiteren möglicherweise hilfreichen Adaption ermöglicht. So kann Schritt für Schritt gelernt, angewendet, adaptiert, wieder angewendet sehr direktes und individuelles Erlernen ermöglicht werden. Zudem kann der Lernende es auf diese Art als viel sinnvoller erachten, Neues zu erlernen als in vollgepackten Extra-Stunden, in denen theoretischer Input vermittelt wird. Natürlich kann dies ab und an auch notwendig sein, aber diese Learning-Nuggets und das On-the-job-Learning von denen Tobias spricht, machen schon Sinn.

Peter: Tobias, bei einem Blick auf dein Leben drängt sich natürlich die Frage nach der Karriere von Oliver Kahn auf. Inwieweit kann von seiner Einstellung und von seinen Erfahrungen gelernt werden?

Tobias: Das ist für mich natürlich schwierig zu beantworten. Da sollte Oliver Kahn für sich sprechen. Was man aber sehen kann, ist, dass Oliver sich immer weiter entwickelt hat. Sowohl als Torwart, aber dann auch über den Sport hinaus. Er hat sich auf seine neue Rolle vorbereitet, 10 Jahre lang wertvolle Erfahrung gesammelt, was ihm jetzt helfen wird, das Unternehmen FC Bayern München erfolgreich in die Zukunft zu führen. Sein damaliger Ausspruch: „Niemals aufgeben, immer weiter machen. Immer weiter. Immer weiter.“ ist sicherlich auch bei mir hängen geblieben. Dies meinte Irg sicherlich auch mit dem Hinweis, dass zurückschauen nicht unbedingt in die Zukunft führt.

Peter: Zum Schluss kommt die Standardfrage. Warum kommt ihr nach Leipzig?

Irg: Wir kommen deshalb gerne, weil der HR Inno Day immer die Möglichkeit schafft, dass HR aus vielerlei Perspektiven beleuchtet wird und du mit der Veranstaltung auch versuchst und natürlich auch schaffst, Innovationen in den Herangehensweisen anzustoßen. Darüber hinaus ist der universitäre Rahmen hervorragend, da neue Ideen natürlich auch von StudentInnen und AbsolventInnen aus ihren Blickwinkeln in die Unternehmen getragen werden müssen. Selbstverständlich sind Erfahrungen weiterhin sehr wichtig, aber das Zusammenbringen mit jungen Mindsets macht ja ein Stück weit auch den diesjährigen Innovation Day 2022 aus. Außerdem hast du wieder ein sehr spannendes Programm mit sehr interessanten Input-Gebern an Bord gebracht.

Füße hochlegen vor Bergen

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