Nach dem Spiel ist vor der Karriere nach dem Sport. Für Nicky Verjans, der diesen Sommer seine Karriere als Profi-Handballer bei der HSG Nordhorn-Lingen beendet hat, bedeutet dies, den Fokus auf seine andere Leidenschaft zu lenken: Themen rund um die Digitalisierung. Hier setzt er an, um Unternehmen im Sport aber auch darüber hinaus zu unterstützen, die Rahmenbedingungen für Spitzenleistung (wie er sie als Athlet erfahren hat) nun via Digitalisierung zu entwickeln. Im Interview gibt er auch Einblick in seine Transition vom Sport ins Business, die er schon während seiner Sportkarriere immer im Blick hatte.

Patparius: Nicky, dein Karriere-Ende als Handball-Profi bei der HSG Nordhorn-Lingen fällt in eine außergewöhnliche Zeit mit der großen Herausforderung ´Corona´. Wie gehst du als Athlet damit um? Hast du das Gefühl, dass dein #Athletendenken, dir dabei hilft, die aktuellen Herausforderungen besser zu bewältigen als Menschen, die nicht aus dem Profi-Sport kommen?

NickyDie Entscheidung nach 15 Jahren als Profi-Handballer in der deutschen Bundesliga aufzuhören, hatte ich bereits mehr als ein Jahr zuvor getroffen. Deshalb wusste ich, was auf mich zukommt. Natürlich hätte ich mich nach meinem letzten Heimspiel gerne von den Fans verabschiedet, aber das werden wir sicher nachholen. Als Sportler lernt man, mit negativen Erfahrungen wie schweren Verletzungen und Niederlagen in wichtigen Spielen umzugehen. Man hat eine langfristige Vision im Kopf, aber ist immer auf das nächste Spiel konzentriert. In dieser aktuell herausfordernden Zeit sind viele Dinge anders als normal, aber der Lockdown hat mir auch ermöglicht, mich in anderen Bereichen zu entwickeln, für die ich normalerweise weniger Zeit hatte. Und ja, das ist vielleicht etwas Athletenspezifisches: Die Rahmenbedingungen so annehmen, wie sie sind und dann das Bestmögliche daraus machen.

Patparius: Neben dem aktuellen Thema ´Corona´ stehen Unternehmen und Organisationen vor der Herausforderung die meistens mit dem Schlagwort ´Digitalisierung´ beschrieben wird. Du stehst der Thematik sehr offen gegenüber, auch weil du dir neben deiner aktiven Handballzeit in diesem Bereich bei msg services ag bereits Expertise erarbeitet hast, die du heute u. a. bei Kauri Spirit und EmsMakers GmbH einbringst. Daneben spielte die ´Digitalisierung´ natürlich auch in deinem Sport eine große Rolle. Siehst du etwas, das Unternehmens- und Sportwelt diesbzgl. voneinander lernen können, um die komplexen Anforderungen nicht nur als Problem zu sehen sondern als Chance, sich evtl. sogar gegenüber Competitors einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten?

Nicky: Ich stelle fest, dass die ´Digitalisierung´ für den Sport oft noch etwas nicht Greifbares ist – was sich auch mit meinen Erfahrungen mit Unternehmen außerhalb des Sports deckt. Es wird viel gemacht, aber oft gibt es keine klare Strategie. Im Sport nutzen viele Clubs viele neue Technologien im Bereich Marketing, wie z. B. die verschiedenen sozialen Medienkanäle. Auf der anderen Seite gibt es im Bereich der Kommunikation und Zusammenarbeit im Backoffice immer noch eine recht altmodische Art und Weise die tägliche Arbeit zu erledigen. Zudem werden oftmals die Mitarbeiter nicht richtig in der Anwendung der neuen Programme und Methoden geschult. Es gibt aus meiner Sicht noch viele Möglichkeiten, die in den kommenden Jahren genutzt werden können und ausgeschöpft werden müssen.

Die Situation mit dem Coronavirus hat gewisse Schwächen ans Licht gebracht. Ein gutes Beispiel dafür ist, dass Sponsoring manchmal immer noch als ziemlich traditionell begriffen und verstanden wird. Werbeflächen und VIP-Tickets werden für einen bestimmten Betrag verkauft, ohne richtig in ihre Aktivierung zu investieren. In einer Zeit ohne Spiele bzw. mit Spielen ohne Publikum ist es schwierig, ein solches Sponsoring ohne messbare Ergebnisse zu begründen und erfolgreich umzusetzen. Grundsätzlich sollte der Ansatz sein, die sichtbar gewordenen Schwächen nun möglichst mutig anzugehen, um dann bereit zu sein, wenn es wieder richtig los geht. Vom Sport könnte man hier vielleicht lernen, ohne Vorbehalte zu analysieren, um sich weiterzuentwicklen und Schritt für Schritt besser zu werden.

Über die Laufbahn hinaus denken

Nach dem Spiel ist vor der Kamera. Nicky Verjans in einer seiner neuen Rollen.

Patparius: Du warst mit 17 Jahren ziemlich jung, als du dein erstes Profi-Spiel gemacht hast und bist dann sehr schnell ins Ausland gegangen, um in Deutschland in der Bundesliga zu spielen. Du hast dir mit deinem MBA-Studium an der Maastricht School of Management aber auch relativ früh eine Basis geschaffen, um die Karriere neben/nach dem Sport verfolgen zu können. Wie sind deine Erfahrungen mit dem Thema? Hast du eine Empfehlung für deine Handball-Kollegen oder auch für Vereine, die evtl. anders ticken und in ihren Spielern mehr sehen, als den Handballer oder die Handballerin? Und ja, klar, diese Vereine sind rar gesägt, aber siehst du Ansätze in diese Richtung?

Nicky: Ich wusste schon sehr früh, was ich wollte und was ich zu tun hatte um Profi-Handballer zu werden.  Außerdem wollte ich zusätzlich zu meiner Handballkarriere studieren, um auf die Zeit nach dem Sport vorbereitet zu sein. Darüber hinaus fühle ich mich besser, wenn ich nicht nur rund um die Uhr mit Handball beschäftigt bin, sondern auch außerhalb des Sports Ziele habe. Das macht es auch leichter, die Dinge die im Sportalltag geschehen zu relativieren. Der Umgang mit Arbeits- oder Studienkollegen, die nicht direkt aus dem Spitzensport kommen, stellt sicher, dass man mit beiden Beinen auf dem Boden bleibt und man erkennt, dass es mehr als nur das nächste Spiel gibt.

Ich halte es für wichtig, dass sich die Vereine auch mit den Zielen der Spieler ausserhalb des Sports beschäftigen, da diese nicht nur den Sportler selbst betreffen, sondern oftmals auch Ziele des gesamten Netzwerks des Vereins tangieren. Sportvereine haben so große Netzwerke, dass es schade ist, diese nicht besser zu nutzen – im Sinne der Spieler aber auch im Sinne des Vereins. Dadurch wird am Ende die Bindung zu den Sponsoren und zu den Spielern gestärkt.

PatpariusWie sind nun deine Erfahrungen mit dem Ende der Sportkarriere? Wie kommst du mit der Karriere nach dem Sport voran? Ist alles so gekommen, wie du dir das vorgestellt hast? Was ist/war schwierig und was hat dir geholfen, weiter zu kommen?

Nicky: Ich habe mich rechtzeitig darum gekümmert, dass ich Opportunities über den Sport hinaus finde. Natürlich habe ich viel mit Menschen gesprochen, die mir Impulse für die Zeit nach dem Sport geben konnten. Klar, am Ende ist es schon eine Herausforderung das Passende zu finden, um wieder ein Umfeld für sich zu gestalten, in dem sich die eigene Sportlerpersönlichkeit wohl fühlt und performen kann. Ich habe jedoch klare Ziele, die ich verfolge und fühle mich gut vorbereitet für die Zeit, die nun angebrochen ist. Zudem wusste ich, dass ich aufhören würde. Das war also kein Problem. Ich habe anfangs noch hart trainiert, weil ich gehofft hatte, dass wir die Saison noch zu Ende spielen würden und ich nicht bei 449 Pflichtspiele für die HSG Nordhorn-Lingen stecken bleibe. Ich genieße es nun, dass ich mich jetzt nach dem Sport auf meine Business-Karriere konzentrieren kann. Da ich noch die C-Jugend der HSG Nordhorn trainiere – und wir gerade mit dem ersten Sieg gestartet sind – bin ich auch nicht ganz aus der Handballwelt raus und kann immer noch mehrmals pro Woche in der Sporthalle sein. Das ist für mich eine gute Kombination.

PatpariusWie läuft es in den Niederlanden mit der Karriere nach dem Sport? Haben Athlet/innen dort ein anderes Standing bzw. ist es für sie dort einfacher/schwieriger, eine erfolgreiche  Karriere nach dem Sport zu haben? Gibt es vielleicht etwas, das man voneinander lernen kann?

Nicky: In den Niederlanden wird auch viel für Athlet/innen nach ihren Karrieren getan, obwohl ich sagen muss, dass dies vor allem für die wirklichen Spitzensportler gilt, die an den Olympischen Spielen teilgenommen haben und zur absoluten Weltspitze gehören. Der Spitzensport hat in den Niederlanden weniger Ansehen als in Deutschland und Sportler/innen haben aufgrund ihres sportlichen Hintergrunds weniger Privilegien als in Deutschland. Viele hören gerne, dass man Profisportler war, aber dann hört es meistens auch auf. Das heißt, auch bei mir Zuhause in den Niederlanden wird der Wert von uns als Persönlichkeit oft nicht wirklich gesehen. Für niederländische Athlet/innen ist es also auch nicht einfach, erfolgreich in eine neue Karriere zu starten. Glücklicherweise haben wir Spitzensportler/innen jedoch diese ´Es-Uns-Selbst-Beweisen-Zu-Wollen-Denk- und Herangehensweise´, die dazu führt, dass es am Ende auch gelingt, einen Weg für sich zu finden. Was in den Niederlanden sehr gut geregelt ist, ist, dass der Spitzensport sehr zentralisiert ist. TeamNL konnte sich in den letzten Jahren gut entwickeln, und auch das Olympische Trainingszentrum Papendal (bei Arnheim) bietet den niederländischen Spitzensportler/innen perfekte Bedingungen. Ob man davon etwas in Deutschland lernen kann, müssen jedoch andere beurteilen.

> Ein kurzer Videoclip mit Nicky Verjans ist zudem via folgenden Links auf LinkedIn, Facebook, Instagram oder Twitter zu finden:

LinkedIn

Facebook

Instagram

Twitter

> Auch interessant, unser Beitrag „Athleten können auch Startups“ im Magazin StartupValley 07/2020