Der ehemalige Basketball-Profi und Nationalspieler über seine Transition-Erfahrungen und die unterschiedlichen Sichtweisen auf (ehemalige) Athlet/innen in den USA und Deutschland. Heute ist Chris in der Karriere nach dem Sport angekommen und nach Gartner, Florida nun bei Workday in München als Account Executive dabei, seine Karriere im Business voranzutreiben.

Patparius: Chris, du warst Basketball-Profi, hast nebenbei studiert und einen guten Abschluss (Bachelor of Science Electrical Engineering) an der Bucknell University gemacht. Was sind deine Gedanken, wenn du dich an dein Karriereende als Sportler und deinen Start in die Karriere danach zurück erinnerst?

Chris: Erst voller Zuversicht und Gelassenheit – ich hatte ja ein Ingenieur-Studium und war cooler Basketball-Profi. Dann ziemlich schnell Desillusion und ein Stück weit Panik. Mein ursprünglicher Plan war, bis 37, 38 Jahre zu spielen. Dann ging es jedoch schneller als gedacht vorbei. Allerdings habe ich mich, als ich begonnen habe über die Karriere nach dem Sport nachzudenken, auf der sicheren Seite gefühlt. Ich hatte meinen Bachelor und zudem durch den Sport eigentlich ein sehr gutes Netzwerk. Aus diesem Grund dachte ich mir, dass ich schon einen guten Job bei einem der Sponsoren bekomme oder irgendwie bei einem Verein ins Management reinkomme. Bottom line nach der Karriere war dann jedoch: Ich stand bei Null! Ich hatte mein Netzwerk nie aktiv gepflegt und hatte eigentlich auch keine Ahnung, was ich mit meinem Netzwerk über den Sport hinaus überhaupt für Themen besprechen könnte.

Als Athlet ist – zumindest neben dem Sport – immer alles sehr passiv: Man hat seinen Plan, man wird gefragt, was man braucht, man wird angerufen, um über neue Angebote zu sprechen usw. D. h. man musste sich über den Sport hinaus eigentlich nie aktiv kümmern. Mein Glück war dann, dass ich eine Art Mentor für mich gefunden habe, was mir im Transition-Prozess wirklich enorm geholfen hat. So konnte ich für mich herausfinden, wie mein Weg aussehen kann, was ich überhaupt machen kann und will, wo ich reinpasse und welche Themen ich mit Leuten aus der Business-Welt überhaupt besprechen kann. Am Ende ist es extrem wichtig, den ersten Schritt zu tun. Hier helfen natürlich Impulse von außen, um zu lernen, aktiv zu werden. Mein Learning aus der Zeit war rückblickend, dass ich mir eigentlich drei, vier Jahre früher diese Impulse hätte suchen müssen.

Patparius: Du kennst die Sport- und Business-Welt in den USA: Haben Athleten hier ein anderes Standing, wenn sie ihre Karriere beenden und eine neue Karriere starten wollen? Wie ist die Einstellung diesbzgl. grundsätzlich in den USA? Haben hier ehemalige Athleten bessere Karrierechancen?

Chris: Ganz klar: Ja! Meiner Erfahrung nach geht es in Deutschland in erster Linie um die fachliche Kompetenz und um die sogenannte relevante Arbeitserfahrung. Der Persönlichkeit und den Persönlichkeitsmerkmalen wird im Auswahlprozess kein so großes Gewicht gegeben. In den USA ist dies schon ein wenig anders. Hier spielt auch das Mindset eine größere Rolle. Natürlich muss auch in den USA die fachliche Kompetenz und die Qualifikationen vorhanden sein. Dennoch hat man drüben eher die Einstellung, dass das Gesamtpaket entscheidend ist und durchaus die Persönlichkeit eine größere Rolle spielt, ob ein potenzieller Mitarbeiter am Ende performt wie erhofft oder nicht.

Nach meiner Basketball-Karriere habe ich mich auch anfangs in Deutschland nach einem Job umgesehen. Ich habe aber sehr schnell gemerkt, dass ich gar nicht so weit komme, meine Athleten-Persönlichkeit ins Spiel zu bringen. Klar, ich hatte bei Bewerbungen auf Positionen Konkurrenten, die viele Jahre jünger waren als ich und zudem relevante Praktika oder sogar erste konkrete Arbeitserfahrung hatten. Ich kam also gar nicht dazu, meine Persönlichkeitsmerkmale vorzustellen und Entscheider überzeugen zu können, dass ich durch meinen Werdegang möglicherweise einen besonderen Wert für das Unternehmen haben könnte. Mir hat dann ein befreundeter CEO geraten erstmal in die USA zu gehen, um später dann mit relevanter Arbeitserfahrung zurück nach Deutschland zu kommen. Und so habe ich es gemacht. Die letzten drei Jahre war ich bei Gartner in USA, bin nun zu Workday nach München gewechselt und arbeite dort als Account Executive.

Über die Laufbahn hinaus denken

„US-Unternehmen sehen das Gesamtpaket von uns Athlet/innen.“

Patparius: Bei Gartner gibt es ein Programm, um ehemalige Soldaten als Persönlichkeiten mit besonderen Skills ins Unternehmen zu integrieren? Wie sah das aus und wäre das in ähnlicher Form auf Sportler adaptierbar?

Chris: Das war ein strukturiertes Programm, um Soldaten, die das Militär verlassen, Perspektiven zu bieten und ihnen Skills und Kenntnisse zu vermitteln. Im Grunde ein sehr intensives Programm, um den Soldaten zu ermöglichen, ihre Learnings und Erfahrungen aus der Soldatenzeit in einem Unternehmens- und Business-Kontext einzubringen und umzusetzen. Zudem bekamen die ehemaligen Soldaten z. B. eine Art Sales-Training oder Trainings in anderen Bereichen, um sie auf diesen Gebieten weiterzuentwickeln. Auf diese Weise wurden sie über zwei Woche intensiv weitergebildet, konnten Einblick in Gartner als Unternehmen erhalten und wurden gleichzeitig auf Herz und Nieren getestet. Die besten haben dann am Ende ein Angebot von Gartner erhalten, um dort in den verschiedensten Bereichen in einen Job zu starten. Und ja, natürlich ist so etwas auch auf Athleten zu übertragen.

Enorm wichtig ist, diese Transferleistung von einer ´Disziplin´ in die andere hinzubekommen – und da ist es egal, ob vom Militär ins Business oder vom Sport ins Business. Ihr macht ja genau dies mit eurem #ThinkingBeyondSports-Lerntransfer. Vieles, das ich im Basketball erlebt habe, finde ich in der Unternehmenswelt wieder, nicht genauso, aber doch sehr ähnlich. Dadurch, dass Soldaten oder eben Athleten lernen, das, was sie in der Businesswelt erleben (werden), in ihr Sport-Bild zu transferieren, ist es ihnen möglich, zu anderen Lösungen zu kommen, als dies nicht Sportler tun. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass dies enorm schwer ist, alleine für sich hinzubekommen. Man ist zu sehr in der eigenen Welt verhaftet, so dass es z. B. für mich entscheidend war, dass ich mit jemandem Externen arbeiten konnte, um diesen Transfer-Step zu schaffen, um am Ende mit den für die Karriere nach dem Sport entscheidenden Playern zusammen zu kommen.

PatpariusDu hast mal erzählt, dass man auch dir anfangs immer die fehlende Arbeitserfahrung in Interviews vorgehalten hat bzw. man nicht den Wert gesehen hat, den du durch deine Profi-Sporterfahrung in Unternehmen einbringen kannst und dass man dir heute sagt: Cool, Mr. McNaughton, sie waren Basketballprofi, sie haben – neben ihrer Arbeitserfahrung – als Persönlichkeit genau das, was wir hier im Unternehmen brauchen. Ist das so? Sollten Unternehmen hier anders agieren – auch im Sinne von: Das was an Arbeitserfahrung fehlt, kann man aufholen. Für die Entwicklung von Persönlichkeit gibt es keinen Highway, um diese besondere Athleten-Persönlichkeit zu werden?

Chris: Definitv. Wir Sportler beginnen ja eigentlich unsere Ausbildung mit 6, 7 Jahren. Ab dann schulen wir unsere Persönlichkeit durch den Sport im Verein und später durch Leistung im Wettkampf bei Europameister- oder Weltmeisterschaften oder gar bei Olympischen Spielen. Hier erfahren wir extreme Stresssituationen und dürfen bereits als junge Menschen Erfahrungen durchleben, die uns Athleten natürlich anders reifen lassen als andere Heranwachsende. Wenn man vor tausenden von Zuschauern seine Leistung abzurufen gelernt hat oder gar vor einem Millionenpublikum performen durfte, dann ist man eine andere Persönlichkeit, als wenn man – in Anführungszeichen – den normalen Weg gegangen ist, Schule, Ausbildung, Studium und Job. Meiner Erfahrung nach kann man – natürlich immer in gewissem Maße – das Fachliche aufhohlen und sich auch noch in späteren Jahren mit der richtigen Einstellung aneignen.

Die Persönlichkeit lässt sich nicht in gleichem Maße ´nachbilden´. Das, was wir Athleten 20 Jahre Persönlichkeitsentwicklungsarbeit hinter uns haben, ist nicht möglich durch Seminare, Fortbildungen usw. nach dem Studium irgendwie ´on the job´ aufzuholen. Aus diesem Grund sollten Unternehmen gerade hier in Deutschland offener und mutiger sein, uns Athleten eine Chance zu geben.

In den USA spielt der Sport und der Wettkampf eine bedeutendere Rolle. Viele sind über die High School bis ins College rein als Sportler aktiv und identifizieren sich dadurch auch mehr mit den Werten und Anforderungen des Sports. Später sind sie dann in Unternehmen in Führungspositionen, haben aber durch ihre High School und College-Zeit das Sportler-Mindset stärker verinnerlicht und sind vielleicht auch deshalb darauf aus, Sportler nach ihren Karrieren mit ihrem Athletendenken für ihr Unternehmen als Mitarbeiter zu gewinnen.

PatpariusWas kannst du noch aktiven Athleten mit auf den Weg geben und was empfiehlst du Unternehmen in Bezug auf Sportler?

Chris: Beginnt sofort damit, mehr in euch zu sehen als die Sportlerin, den Sportler. Ihr seid mehr und ihr könnt viel mehr. Obwohl ich einige Monate vor Ende meiner letzten Saison wusste, dass ich meine Schuhe an den Nagel hängen werde, war ich in keinster Weise auf den nächsten Step vorbereitet. Das heißt, bereitet euch vor! Lernt aktiv zu sein. Die Businesswelt – besonders hier in Deutschland – empfängt Athleten nach ihren Sportkarrieren nicht mit offenen Armen. Ihr müsst euch aufdrängen und die Leute aktiv ansprechen. Ihr müsst wissen, wie ihr euch über den Sport hinaus präsentieren könnt, mit welchen Themen und auf welche Weise. Sucht euch Inspiration von Außen, die euch Lust machen, mehr von der Welt abseits des Sports zu erfahren. Wenn ihr es einrichten könnt, macht kleine Internships, arbeitet euch in Themen ein, die über den Sport hinaus gehen, schaut erfahrenen Führungskräften über die Schulter. Das Wichtigste ist aber sicherlich: Wartet nicht auf den Anruf. Es wird keiner mehr anrufen.

Unternehmen kann ich nur empfehlen, dass sie das Potenzial von uns Sportlern nicht unterschätzen sollten. Oder anders ausgedrückt, Unternehmen sollten das Risiko eingehen, Athleten, wenn sie eine Ausbildung oder ein Studium in der Tasche haben, dafür aber zu alt sind und nicht ausreichend Praktika oder Arbeitserfahrung sammeln konnten – weil sie einen Großteil bei internationalen Wettkämpfen verbracht haben – ins Unternehmen reinzuholen. Sie sollten bereit sein, am Anfang durchaus in den Athleten zu investieren oder Programme und Partner an der Hand haben, um Athleten auf das fachliche bzw. arbeitserfahrungsrelevante Niveau zu entwickeln. Dies ist möglich und Athleten sind bereit, hier Vollgas zu geben, um das notwendige Niveau zu erreichen. Nichts anderes sind wir durch unsere Karrieren als Sportler gewohnt. Unternehmen kostet das Zeit und Geld, aber sie bekommen besondere Mitarbeiter, die daran mitwirken können, auch das Unternehmen weiterzuentwicklen, Denk- und Handlungsweisen aus dem Sport ins Unternehmen zu bringen, um auch dadurch das Niveau im Unternehmen zu heben.

> Ein kurzer Videoclip mit Chris McNaughton ist zudem via folgenden Links auf LinkedIn, Facebook, Instagram oder Twitter zu finden:

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> Auch interessant, unser Beitrag „Athleten können auch Startups“ im Magazin StartupValley 07/2020